1914

[16] Das kirchliche Leben nahm den gewohnten Verlauf. Da trat plötzlich ein Ereignis ein, welches das ganze deutsche Volk in Erregung versetzte, der Weltkrieg brach aus. Gewiß kam er nicht unvorbereitet. ( ) Aber als er nun kam, dieser entsetzliche Krieg, da bemächtigte sich eine namenlose Erregung [17] aller Herzen. Man kann wohl sagen, daß Ängste und Sorge vor dem Drohenden und Ungewissen die Herzen besonders packte, aber auch an heller Begeisterung fehlte es nicht. Die Liebe zu unserem Kaiser leuchtete immer wieder wie ein heller Stern hervor, wußte man doch, daß der Kaiser alles getan hatte, ein Völkerringen zu vermeiden.  
Am Sonntag, den 2. August, war die Kirche morgens ganz gefüllt.( ) Eine große Bewegung ging durch die Gemeinde, die sich des ganzen Furchtbaren ( ) der Zeit bewußt wurde. Gleich nach dem Gottesdienst wurde der Pastor in ein Wohnhaus zur Haustaufe gerufen. Der junge Bauer Georg Ruwoldt (Lambrechtshagen), erst ein Jahr verheiratet, ließ sein erstes Kind taufen, da er schon am nächsten Tage, dem 3. August, zur Fahne fort mußte. War diese Tauffeierlichkeit schon besonders feierlich und bewegt, so trifft das auch im erhöhten Maße [18] zu von dem Beicht- und Abendmahlsgottesdienst am Nachmittage 2 Uhr, an welchem sich 48 Personen beteiligten, 30 Männer und 18 Frauen. ( ) Der Wunsch, zum Tisch des Herrn zu kommen, bevor das große Ringen anhub, war in der nächsten Zeit besonders rege. Wie an den beiden kommenden Sonntagen so wurde auch am Dienstag ( ) den 4. August, nachmittags in der Kirche Beichte und Abendmahl gehalten.    Am Sonntag, d. 9. August war Kriegsbußtag. Der Gottesdienst war gefüllt wie sonst nur an den größten Festtagen. ( ) An diesem Tage, wie auch an manchem der vergangenen Wochentage, besucht der Pastor, zum Teil mit seiner Frau, die meisten Kriegsteilnehmer. Einige von diesen kommen [19] auch in das Pfarrhaus, um ihrem Pastor Lebewohl zu sagen. Wohl klopfte den lieben Kriegern bei solchem Abschiednehmen das Herz. ( )  In der Folgezeit hat der Pastor in fast jeder Predigt auf den Krieg Bezug genommen und sich bemüht, alles, was der Krieg mit sich brachte, unter Gottes Wort zu stellen und durch dieses zu beleuchten.  
Die Gemeinde war zunächst auch sehr empfänglich dafür, später indessen ist der Pastor oft - gerade bei den kirchlich interessierten Gemeindegliedern auf die Meinung und Ansicht gestoßen, daß ein ständiges Bezugnehmen auf die Zeit nicht immer vernünftig sei. Bald nach Kriegsbeginn erließ der Oberkirchenrat eine Verordnung bzw. sprach den Wunsch aus, daß Kriegsbetstunden gehalten würden. Der Pastor setzte sich deshalb mit einflußreichen Gemeindegliedern in Verbindung. Diese trugen [20] jedoch Bedenken, eigene Betstunden einzuführen. Man sagte: sind dieselben in der Kirche, so kommen die Leute von auswärts nicht, da die Wege zu schlecht sind ( ) Sind dieselben in den Außendörfern, so würden einzelne das ganz gern sehen, aber diese würden dann den sonntäglichen Gottesdienst nicht besuchen. Der alte Kirchenjurat Klöcking - Bargeshagen sagte: "Herr Pastur, latens dat sin mit de Kriegsgebetsstunden. Dat könen Sei uns uck all an' Sünndag seggen, Alldags hebben uck de Lüd' keen Tied dortau." Wesentlich mit auf Grund dieses Ausspruches des alten, frommen und die Verhältnisse kennenden Kirchenjuraten sind dann auch keine Extra-Gottesdienste gehalten worden.  Diesem ist dann auch wohl zuzuschreiben, daß die sonntäglichen Gottesdienste dieselbe Besuchszahl aufwiesen, wie sonst in [21] den besten Jahren, ja daß zum Teil die Gottesdienste besser besucht wurden als früher. Zieht man in Betracht, daß viele Männer fehlten, so ist das jedenfalls ein gutes Zeichen.  
Gewaltigen Eindruck machten die ersten Nachrichten von Gefangenschaft, Verwundungen und Tod der zur Gemeinde gehörigen Soldaten. Nicht nur in den Familien der Betroffenen, sondern in der ganzen Gemeinde. Der Chronist hat den Eindruck gehabt, daß die Einigkeit, die in politischer Weise völkische Einigkeit bei Beginn des Krieges so schön hervortrat, auch hierin kraftvoll zum Ausdruck kam. Es war so: "leidet ein Glied, so leiden alle Glieder mit."  Kam eine Trauernachricht, so ging der Pastor selbstverständlich in das Haus der betroffenen Familie. Die Leute waren zunächst oft völlig zerschlagen und zu dem rechten Christenwort konnten sie sich nicht gleich durchringen. Es überwog zunächst der Gedanke, daß die Toten für eine gerechte Sache gestorben wären. Erst allmählich [22] erkannte man, daß das allein Trost zu geben vermag. In seltenen Fällen freilich hörte man auch wohl gleich schon beim ersten Besuch ein Wort wie: "was Gott tut, das ist wohl getan" aus dem Mund der Leidtragenden, und ganz vereinzelt auch kamen verzweiflungsvolle Klagen aus dem Mund der Trauernden, einmal in solchem Maße, daß der Pastor wieder von dannen gehen mußte, weil die betreffende Frau, die ihren einzigen Sohn verloren hatte, völlig unzugänglich war. Man hatte den Eindruck eines völlig haltlosen Menschenkindes.  
Trafen Trauernachrichten ein, daß Krieger gefallen oder im Lazarett verstorben seien, so wurden die Trauerglocken geläutet. Es sei besonders bemerkt, daß die Angehörigen dafür kein Glockengeld zu bezahlen hatten - was der Pastor als etwas ganz selbstverständliches eingeführt hat. Am ersten Sonntag dann nach Eintreffen [23] einer Todesnachricht wurde für den Gefallenen von der Kanzel gedankt, und bald wurde es zur Gewohnheit, daß darauf ein besonderer Gesang in Erinnerung an den Tod des selben gesungen wurde, etwa: "Was Gott tut, daß ist wohl getan" oder "Christus ist mein Leben".  Gewaltigen Eindruck machten auch die ersten Siegesnachrichten. Die patriotische Begeisterung wuchs zunächst merklich, und auch solche, die zur Sozialdemokratie früher gehört hatten und zum Teil noch gehören, verbargen ihre Freude nicht. Und allgemein herrschte die Stimmung und wurde oft auch ausgesprochen: "Tau Wihnacht is allens ut un vörbi."  Und selbst dann, als unsere bis dahin siegreichen Heere nach der großen Marne-Schlacht zurück mußten, blieb im großen und ganzen die Stimmung zuversichtlich. [24] Die Liebesgaben, die für Stillung der Kriegsnöte in den Gottesdiensten und auch sonst in der Gemeinde gesammelt wurden, brachten namhafte Erträge ein. Namentlich in der ersten Zeit des Krieges wurde von allen Seiten viel beigetragen für die Linderung der Notstände, was freilich nicht ausschließt, daß einzelne nicht nach ihren Kräften und z.T. auch nur unwillig gaben. Im großen und ganzen aber herrschte ein Eifer, für die Lieben an der Front zu tun, was möglich war und ihnen ihr hartes Loos zu erleichtern. Gott sei Dank sind wohl alle Familien in der Gemeinde so gestellt,daß sie ihren Gatten und Söhnen selber alles Notwendige senden konnten, und jedenfalls haben diese durch Schuld der Ihrigen daheim nicht zu sterben brauchen an Leibes Nahrung und Notdurft. Aber auch darüber hinaus ward viel getan. An den Sammelstellen in [25] Rostock ist manches Paar Strümpfe, manches Unterhemd od. Unterhose abgeliefert worden, und vor allen Dingen haben sich viele Gemeindeglieder an den Sammlungen für die ostpreußischen Flüchtlinge beteiligt, und manches Kleidungsstück ist dann später noch, als die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückfahren konnten, nach Ostpreußen gewandert. Und als der Hofpächter Töpfer (ein geborener Ostpreuße) aus Rabenhorst (Gemeinde Rethwisch) einen Wagen herumfahren ließ, um für die nach Ostpreußen zurückgekehrten Flüchtlinge Lebensmittel zu sammeln, hat mancher Speck oder Schinken oder Wurst oder, was sonst in seiner Macht stand, gegeben. Ostpreußische Flüchtlinge waren nicht in der Gemeinde untergebracht, obwohl viele Familien sich zu deren Aufnahme bereiterklärt hatten.  
Mit den meisten Kriegern stand der Pastor in [26] Verbindung, indem er gelegentlich Briefe oder Karten mit ihnen wechselte. An jedem Sonntage bekamen einzelne Krieger (abwechselnd) das Mecklenburgische Sonntagsblatt zugesandt, und zu Weihnachten wurde allen Soldaten im Felde vom Pastor die Weihnachtsausgabe des genannten Blattes zugeschickt. Briefe und Karten aus dem Felde bewiesen, daß die Blätter gern gelesen wurden. Auch den Angehörigen der Gefallenen, namentlich den Müttern und den jungen Witwen wurden Trostesschriften überreicht.    Am äußeren Leben der Gemeinde waren nicht viel Änderungen zu spüren. Trotz des großen Abzuges blieben doch auch Leute genügend zurück, die laufenden Arbeiten zu erledigen. Das kam besonders der Ernte zu gute, die zu Anfang des Krieges vor der Tür stand. Was besonders [27] empfindlich war, war das Knapperwerden von Petroleum. Aber trotzdem war und blieb die Gemeinde im ganzen ruhig. Sie zeigte, daß man zum Tragen willig war und daß man wohl kleine Entbehrungen auf sich nehmen müsse. Not machte sich nirgends bemerkbar und man half sich gegenseitig so gut und viel man konnte.

Jahreslosung 2017:

Gott spricht:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36,26