1915

Noch immer tobt der Krieg, und noch immer ist sein Ende nicht abzusehen. "Hoffnung auf Hoffnung ward zu Scheiter, doch das Herz hofft immer weiter" - immer weiter auf Frieden. Aber je länger der Krieg dauerte, um so mehr waren auch alle Kräfte des Volkes in Anspruch genommen. Auch hier in der Gemeinde heißt es: mithelfen zum Sieg durch Gebet, durch Sich-beugen unter die behördlichen Verordnungen.

Es wird allmählich immer stiller in der Gemeinde. Immer mehr ziehen hinaus in den Krieg, [28] allmählich auch die alten Landsturmmänner. Ganze Häuserreihen sind ihres Mannes und Vaters (verwaist) beraubt. Das hat hie und da große Trauer gegeben, aber ein trotziges Sich-aufbäumen dagegen ist dem Chronisten nicht bekannt geworden. Man findet sich damit wie mit einem unabwendbaren Übel ab. Und oft will es scheinen, als ob der Krieg zur Gewohnheit geworden ist. Dauert er am Schluss von 1915 doch auch bereits fast 1 1/2 Jahre.

Gewiss, die großen Ereignisse werden mit Spannung erwartet und viel besprochen, auch mit Begeisterung aufgenommen. Aber dann kommen auch lange Perioden, in denen man nichts besonderes um sich gewahrte, und man hört wohl Worte, wie die: "Man mag gar nicht mehr in die Zeitung blicken."

Mit lebhafter Freude aber werden die Urlauber begrüßt, die im Laufe des Jahres in die Gemeinde kommen. Durchweg war ihr Aussehen ein gutes. [29] Fast allen war es gemeinsam, dass sie wenig Aufhebens machten von ihren Erlebnissen und Taten. Viele sogar waren ganz still und zeigten sich besonders schlafbedürftig.

Die Zahl der Gefallenen, Verstorbenen, Vermissten, Verwundeten vergrößerte sich allmählich. Im allgemeinen trug man das Leid geduldig, und gerade dann, wenn der Gefallene etwa vorher geschrieben hatte, er stehe in Gottes Hand, oder er verlasse sich auf den lieben Gott, ja dann war man leichter in sich gefestigt und getröstet.

Das geistliche Leben in der Gemeinde hielt sich so, wie immer. Der Besuch des Gottesdienstes blieb zufriedenstellend, und es war der Prozentsatz der Abendmahlsbesucher ein hoher. Im ganzen war die Frauenseite in der Kirche mehr besucht u. voller als in Friedenszeiten, die Seite, wo die Männer sitzen, wurde, da die Männer immer rarer wurden, allmählich leerer. Besonders zur Erntezeit, in der ja zum Teil auch des Nachmittags [30] am Sonntag gearbeitet wurde. Freilich soll auch das nicht verschwiegen werden, dass an manchem, der auch früher um Christentum und Kirche sich nicht gekümmert hat, auch die jetzige ernste Zeit spurlos vorüberzugehen scheint. Es ist, als ob Gottes Gericht sich zu vollziehen anfängt.

Der Helfersinn in der Gemeinde und die rege Beteiligung an allen Sammlungen ist geblieben, und manche Kollekte wies einen schönen Erfolg auf.

An Kaisergeburtstag (27. Januar) wurde nachmittags auf behördliche Anordnung ein eigener Gottesdienst gehalten, in welchem der Pastor über Jesaias 40.28-31 predigte. Die Kirche war  ganz gefüllt, sogar mussten noch einige Gemeindeglieder stehen.

Die behördlichen Anordnungen, mit Getreide zu sparen und auf keinen Fall mehr zu füttern mit dem Vieh, als gestattet war, sind viel [31] und oft übertreten. Und dass der Landmann, der gewohnt ist, aus dem Vollen zu wirtschaften, sich selber Beschränkungen in Essen und Trinken auflegen soll, - das will zumeist nicht in den Verstand der ländlichen Bewohner hinein. Man las und hörte ( ) wie groß die Not hie und da war, trotzdem aß man ruhig seine 2 Eier zum Frühstück und von einem Sparen mit Speck und Schinken war nicht die Rede. Ob die Ermahnungen und Vorhaltungen des Chronisten von der Kanzel ( ) etwas auf diesem Gebiet gefruchtet haben, kann ich nicht entscheiden. Nur das ist festzustellen: der Mecklenburger Landbewohner hat einen dicken Schädel.

Die Kindererziehung lag ja wesentlich in den Händen der Mütter. Diese gaben sich wohl redliche Mühe, aber sie beklagten es selber, dass die väterliche Hand ganz fehlte. Doch sind bis jetzt erhebliche Klagen über jugendliche Streiche nicht bekannt geworden. [32] Zu erwähnen mag auch sein, dass in allen Orten der Gemeinde gefangene Russen, ganz vereinzelt auch mal Franzosen, als Ersatz der einheimischen Bevölkerung tätig sind. Sie werden im allgemeinen gelobt wegen ihres Fleißes und ihrer Gutwilligkeit. Russische Teile des Neuen Testamentes hat der Chronist unter ihnen verteilt, die gerne genommen wurden. Auch 2 Deutsch-Russen waren in der Gemeinde, die mit religiösem Stoff versehen sind, die aber leider den Gottesdienst nicht besuchten.

Besonders erwähnt mag noch aus diesem Jahr werden, dass der langjährige Kirchenjurat, Schulze und Erbpächter Klöcking in Bargeshagen mit seiner Frau gebor. Klöcking am 2. November das Fest der Diamantenen Hochzeit feierten. Beide waren die letzten 2-3 Wochen kränklich gewesen und lagen auch an ihrem Ehrentage zu Bett. Deshalb waren auch nur Kinder und Kindeskinder um sie [33] versammelt, und war auch bei der kirchlichen Feier - abgesehen von dem Lehrer Au mit einigen Kindern - niemand weiter zugegen. Der fromme und prächtige Sinn dieser beiden Alten trat auch an diesem Tage wieder besonders hervor.

Bald verschlimmerte ihr Leiden sich zusehends. Am 13. November starb der Alte und am 19. des Monates folgte auch sie ihm in die Ewigkeit. Ein reicher Segen ist von ihnen, namentlich von ihm, der so offen und frei sich stets zum Christentum bekannte, ausgegangen. ( )

 

Jahreslosung 2017:

Gott spricht:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36,26