1916

Der erhoffte Friede kam nicht. Auch 1916 ist, wo der Chronist dies schreibt, zu Ende gegangen, ohne den Frieden zu bringen. Es ist nicht zu leugnen, dass je länger je mehr Verstimmung und Verdrießlichkeit sich findet. Und es hat zuweilen den Anschein, als ob der Patriotismus, der sich zu Anfang des Krieges so herrlich zeigte, doch nicht von so fester Art sei, wie man meinen konnte. Vor allen Dingen fand man viel Missstimmung den behördlichen Maßnahmen gegenüber.

Die Ernte 1915 war ja im ganzen nur eine dürftige gewesen. Hauszuhalten und zu sparen in allen Dingen war daher Pflicht jedes einzelnen, damit die Feinde ihren Willen nicht kriegten, Deutschland auszuhungern. Aber was der Chronist schon im vergangenen Jahr schrieb, dass dass der Mecklenburgische Landbewohner einen harten Schädel hat, kann er hier nur wiederholen. Der Mecklenburger muss essen, [35] und nimmt man ihm von seinem gewohnten Brot etwas, so klagt er, er sei nicht fett und kann seine Arbeit nicht tun. Es war oft tief zu beklagen, ein wie geringes Verständnis sich für die Verordnungen betreffend Essen und Trinken fand. Man wusste sehr wohl, dass der Städter nur 90 gr. Butter pro Woche erhält, hie und da nur 60 gr. oder noch weniger. Aber trotzdem billigte man es vielfach nicht, dass das Deputat der Selbstversorger auf 180 gr. und später gar auf 125 gr. festgesetzt wurde. Sehr oft stieß man auf Klagen über die große allgemeine Teuerung. Aber trotzdem gab es auch Leute, die solche Teuerung ihrerseits ausnutzten, und versuchten, die Höchstpreise zu überschreiten, - kein schöner Zug, der vom Chronisten von der Kanzel wie im seelsorgerlichen Verkehr des öfteren stark gegeißelt wurde.

Die Ernte 1916 war im ganzen als eine gute oder doch gute Mittelernte zu bezeichnen. [36] So kam es denn, dass mancher in seinem kleinen Verstand nun wieder meinte, die behördlichen Maßnahmen seien überflüssig. Und als gar unsere unvergleichlichen Truppen Rumänien zum großen Teil erobert hatten, und uns damit große Schätze zufielen, so meinte man erst recht: es kann uns nichts mangeln. - Betrüblich nur die völlige Missernte in Kartoffeln. Selbige war so groß, dass manche Leute nur gut ihre Aussaat ernteten und daher nur mit großen Schwierigkeiten Kartoffeln zu beschaffen waren. Vielleicht ist nun dadurch das Vorurteil, dass die "Wrucke" nur ein Viehfutter und für menschliche Nahrung nicht geeignet sei, hie und da überwunden, und kommt diese schöne Erdfrucht so auch bei dem konservativen Ländler zu Ehren.

Von allen behördlichen Maßnahmen aber wurde die am meisten beredet, die, das Schlachten von Tieren, insbesonderheit von Schweinen, regelt. Diese Art des Höherhängens des Brotkorbes war [37] den meisten zu hart.

Was das geistliche Leben in der Gemeinde anlangt, so kann man behaupten, dass Kirchenbesuch wie Abendmahlsbesuch sich auf der Höhe hielten, ja dass im ganzen sogar eine wenn auch nur geringe Steigerung zu konstatieren war. Bedenkt man, dass im Laufe des Jahres noch mancher ältere Familienvater und mancher 18jährige junge Wanst zu den Fahnen einberufen wurde, so ist obige Wahrnehmung immerhin nicht unerfreulich.

Die Knappheit von Lebensmitteln wie die allgemeine Teuerung brachten es mit sich, dass nicht mehr so viel ins Feld geschickt wurde. Aber trotzdem kann man wohl behaupten, dass die im Felde stehenden nicht gedarbt haben. Auch war man im Geben und Opfern nicht mehr so splendid wie in den ersten Monaten des Krieges. Der Krieg drückte doch allmählich nach allen Seiten und Kanten.

Was von den Jahren 1914 und 1915 gesagt ist, galt auch hier: der Pastor hat mit manchem Gemeindeglied da draußen im Felde im brieflichen Verkehr gestanden. [38] Abwechselnd wurden den Leuten Mecklenburgische Sonntagsblätter zugesandt. Zu Ostern und zum 2. August erhielt jeder Krieger ein Blatt aus dem Verlag Steinkopf in Stuttgart gesandt ( ) zur Erinnerung an den 2. Jahrestag des Kriegsbeginns. Zu Weihnacht sandte der Pastor jedem Soldaten ein Blatt, betitelt: "An meine lieben Gemeindeglieder, daheim und im Felde" ( ) Soweit dem Pastor bekannt ist, sind die Blätter gern gelesen worden.

Der Tod riss weitere Lücken in die Reihen der Krieger. Es gab viel zu heilen und zu trösten. Es fanden sich auch Familien, die untröstlich schienen, zumal, wenn der einzige Sohn gefallen war. Und oft hörte man wohl ein Wort wie das: "Dat is uß tau hart" - Selbstverständlich gab es auch oberflächliche Naturen, die nur [39] gar zu leicht über den Ernst des Todes hinweg kamen. Aber auch von solchen fehlte es nicht, die unter einer äußeren harten Schale einen weichen Kern verbargen.

Wie im Vorjahr so wurde auch in diesem ein eigener Gottesdienst zur Feier des Geburtstags unseres Kaisers gehalten am 27. Januar, wiederum nachmittags 3 Uhr. Es zeigte sich auch diesmal, dass unser Kaiser viel Liebe hat, - wenn freilich der Gottesdienst nicht annähernd so besucht war wie 1915.  ( ) Eine alte Frau meinte nachher: "Herr Pastur, dat is man schön, dat Sei uns dat all ollich uteinannerset't hebben, weck Lüd' hebben so oft up uns'n Kaiser scholten, dat ward nu woll nablieben."

Getauft wurden im ganzen Jahre nur 9 Kinder. Wenn sonst 16 - 20 Kinder jährlich geboren wurden und zum Teil noch mehr, so muß die Zahl als ganz besonders kleine erscheinen. Der Krieg machte sich auch auf diesem Gebiet bemerkbar. [40] Und getraut wurde nur ein Paar, eine Tatsache, die wohl einzig für diese Gemeinde dasteht.

Als Nachtrag zu 1915 mag noch erwähnt werden, dass der Pastor in der Gemeinde "Kriegsgebete für das christliche Haus" (in Nürnberg erschienen) in 180 Exemplaren verteilte, die gern gelesen wurden und vielfach auch ins Feld geschickt wurden. (Auf [40-61] folgen die Ergebnisse der Sammlungen und eine namentliche Aufzählung aller im Felde stehenden oder gefallenen Gemeindeglieder)

Jahreslosung 2017:

Gott spricht:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36,26