Betrübnis, Trauer, Ärger, Verstimmung, Neid auf die Bessergestellten, Überschreitung der Höchstpreise, Schelten auf die teuren Holzpreise sowie Kleidungsstücke - ist die Signatur der Zeit. Dem gegenüber war es eine rechte Herzensstärkung, wenn man hie u. da bei echten Christen wirkliches Verständnis für die tatsächliche Notlage und für den ganzen [65] Ernst der Zeit fand. Solche Leute hatten auch oft eine Entschuldigung für Missgriffe und falsche gesetzliche Maßnahmen der Regierung und trugen alle Härten der Zeit, wenn auch ungern, so doch mannhaft. Von manchem konnte man auch noch hören, dass das deutsche Volk wegen der mannigfachen Sünden solche große Strafe verdient habe.

Als am 9. Februar der Friede mit der Ukraine geschlossen wurde, ging ein Aufatmen durch das Volk. Die Stimmung hob sich, neue Hoffnung zog ein, Hoffnung auf eine Besserung der allgemeinen Lage. Und mit Jubel wurde zunächst die Nachricht begrüßt, dass Russland den Krieg für beendet erklärte. Freilich folgte hierauf bald die Enttäuschung, dass es trotzdem keinen Frieden abschließen wollte. Man fing an über die Revolution in Russland, über deren Ausbruch man sich im Herbst des Jahres 1917 gefreut hatte, allmählich doch anders zu denken. Freilich rechnete man auch nicht damit, dass etwas Ähnliches auch in Deutschland möglich sei. Als aber am 1. März nun endlich auch der Friede mit Russland zustande kam, zog neue Freude [66] ein und belebte die Gemüter, und ganz allgemein begegnete man der Meinung: so, nun ist der Krieg bald aus, nun können wir im Westen es wohl schaffen. Solche Hoffnung fand dann auch neue Nahrung, als die Frühjahrsoffensive anfing und unseren Kriegern neue Vorteile brachte.

Auf der anderen Seite freilich kostete der Krieg neue Opfer, und das brachte neue Trauer, neue Schmerzen und - leider auch wieder neue Missstimmung u. neues Schelten. Bei vielen fand man die Meinung, dass wir auf alle Fälle Frieden machen müssten, was auch die Feinde verlangten, müssten wir erfüllen. Das Blutvergießen müsste ein Ende haben. Vielleicht trug eine nicht geringe Schuld an solcher Auffassung der Umstand, dass so viele Rostocker - sie kamen Tag für Tag, Woche für Woche - aufs Land kamen, um Nahrungsmittel einzuheimsen. Da hörte man immer wieder von der Notlage, die der Mangel an Lebensmitteln hervorgerufen hatte. Hinzu kam noch der überaus trockene, regenarme Frühling, der eine Hoffnung auf eine gute [67] Ernte nicht aufkommen ließ. Das Vieh litt Not, Heu und Klee war ganz wenig nur gewachsen. Es ist zu verstehen, wie der Pessimismus immer mehr um sich griff.

Gott der Herr hatte freilich ein Einsehen und schickte zuletzt doch noch ergiebigen Regen, so dass die Körnerernte als eine leidlich gute Mittelernte bezeichnet werden konnte. Aber eine wesentliche Änderung in der Stimmung wurde darauf nicht geschaffen. Von Urlaubern erfuhr man auch öfter, dass auch viel mehr Amerikaner an der Front seien, wie man früher hatte annehmen können. Oft hörte man, dass der U-Boot-Krieg doch nicht das erreicht hatte, was er sollte. So kam es, dass überall Niedergeschlagenheit herrschte.

Dazu kamen die traurigen Wünsche und das traurige Vorgehen des Reichstages, der darauf bedacht war und mit regem Eifer und starkem Druck arbeitete, der Krone Rechte zu verkümmern und ihr zu nehmen. Zum großen Teil war man nicht erfreut über solch Vorgehen, man war sich im allgemeinen doch klar, dass das zu einem schlechten Ende führen müsse. Freilich immer wieder wagte man doch zu hoffen, [68] dass alles noch einigermaßen gut verlaufen würde. Bis dann Anfang November allen die Augen aufgingen, dass nicht viel mehr zu retten sei. Aber trotzdem - als der innere und äußere Zusammenbruch da war, als das unheimliche Gespenst der Revolution, vor dem man schon oft gewarnt und gebangt hatte, wirklich zur Wahrheit wurde, als dann zugleich der Waffenstillstand mit den Westmächten abgeschlossen wurde, als die furchtbar harten Bedingungen akzeptiert werden mussten, trotzdem ging da doch ein Zittern und Entsetzen durch die Gemeinde, und es zeigte sich, wie die Mehrzahl der Leute doch vor der Zukunft bangten und dem neuen Regiment nur wenig Vertrauen entgegenbrachten. Oft ist dem Chronisten mit Trauer ausgesprochen worden, dass unser Kaiser weg sei, dass wir unsern Großherzog verloren hätten. Freilich konnte man auch gegenteilige Reden hören, wie etwa: "Leger kannt' ja uck woll nich warden, as dat nahst is."

Darüber, dass das Blutvergießen ein Ende hatte, herrschte [69] überall Freude, und solche Freude überwog durchweg auch da die Bedenken und Empfindungen, die man über den traurigen Ausgang des Krieges hatte, wo man sonst wohl für deutsche Ehre und Freiheit Verständnis hatte.

Zwei Punkte waren es vor allem, über die dann im November und Dezember zumeist besonders geredet wurde. Einmal die immer wiederkehrende Frage, ob wohl alles ruhig bliebe und die besonnenen Elemente die Oberhand behielten, oder ob die Unabhängigen in Berlin siegen würden, und dann überall eine Anarchie kommen würde. Der andere Punkt war der: Wird die christliche Religion weiter geachtet, wird in unsern Schulen der Religionsunterricht weiter erteilt?

Soweit der Pastor hören und erfahren konnte, war überall die Ansicht vertreten: unsern Kindern muss der Religionsunterricht erhalten bleiben. Auch war die feste Hoffnung vorhanden, dass es so bleiben würde - denn man hörte immer wieder, dass die Wahlen zum Landtage doch wohl leidlich gut ausfallen würden, und dass doch unsere bürgerlichen Kandidaten in die Volksvertretung hineingewählt werden würden.

Das Leben in der Gemeinde litt unter all den unerfreulichen Zuständen u. Verhältnissen recht sehr.

[70] Der Kirchenbesuch litt und auch der Abendmahlsprozentsatz ging herunter. Geboren wurden im ganzen Jahre nur 10 Kinder, während 17 Todesfälle vorkamen. Kopuliert wurden 4 Paare.

Besonders erwähnenswert ist noch, dass, wie auch anderswo, in der Gemeinde ein Kirchgemeinderat gebildet wurde. Der Pastor hatte zu dem Zweck christlich interessierte Gemeindeglieder aus allen Ständen am 3. Advent nach dem Gottesdienst zu sich eingeladen zur Besprechung der Angelegenheit. Der Erfolg war der, dass folgende Männer sich zur Übernahme dieses Ehrenamtes bereit erklärten:

a) aus Lambrechtshagen: der Schulze Bobsin, der Büdner Ruwoldt und der Arbeiter Reincke;

b) aus Sievershagen: der Lehrer Au, der Schulze Klöcking und der Häusler Kröger; und

c) aus Bargeshagen: der Erbpächter Klöcking und der Schmiedemeister Harder.

Am 1. Weihnachtstage hat der Pastor von der Kanzel aus die Namen der Mitglieder des Kirchgemeinderates der versammelten Gemeinde bekannt gegeben.

 

Jahreslosung 2017:

Gott spricht:

Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.

Hesekiel 36,26